Gute Reise, Dolly.
Ihr Lieben,
viele von euch wissen, wie viel Dolly Parton mir bedeutet. Aber heute, als ich von ihrem Tod erfahren habe, hab ich irgendwie noch mal anders verstanden, warum man das sagt: „Sie bedeutet mit viel.“
Und obwohl ich finde, dass achtzig ein stolzes Alter ist, und dass Dolly mit Sicherheit das gehabt hat, was mein ein „erfülltes Leben“ nennt, hab ich heute am Strand ein paar Tränen für sie vergossen – und, bei näherem Hinsehen, für mich.
Dolly bedeutet mir:
Die reine Freude am Singen.
Und ihr Tod rührt nicht zuletzt auch daran, an den Verlust meiner Stimme, dieser Freude, die mir nur noch so eingeschränkt zur Verfügung steht.
Und ich musste daran denken, wie meine Dolly-Liebe damals aufgeblüht ist, genau als ich meine Solokarriere begonnen habe.
Und dass sie mir auch das bedeutet: Die Freiheit, ein bisschen mehr Glitzer aufzutragen, als das als Frontfrau der Helden für mich möglich war.
Und dann bin ich traurig, dass diese glitzernde Solokarierre nicht weitergehen durfte, dass mir nach zwei Alben die Stimme, die zwitschernde, abhanden gekommen ist.
Ach, ach. Love is like a butterfly.
Ich hab euch hier noch mal meine Dolly-Eloge von 2014 reingestellt, für die von euch, die von meinem Super-Fan sein noch gar nichts wussten.
Und hier noch mal den Link mit tollem Dolly-Kram, den ich damals für euch zusammengestellt hatte.
Alles Liebe von mir für euch und für Dolly,
Judith
P.S: Das Foto durfte ich damals nach ihrem umwerfenden Konzert in Berlin mit ihr machen, als eine von vielen. Aber ICH HABE SIE ANGEFASST!!!
Nur die Harten kommen in den Garten der Parton (DIE ZEIT)
Eine Eloge auf Country –Königin Dolly Parton
Ich liebe Dolly Parton. Jahrelang habe ich behauptet, mein Herz schlüge ausschließlich für Alternative Country. Ich habe meine gutwilligen Gegenüber mit Platten von Gene Clarke und Townes van Zandt eingelullt, nur um ihnen dann in einem wehrlos – schläfrigen Moment Dollys zwitscherigsten Hit „Love is like a butterfly“ um zu Ohren zu knallen. Inzwischen aber nehme ich keine Gefangenen mehr und lege im mit schwarzbeklufteten Männern voll besetzten Tourbus Dollys größte Hits auf. Mitgehangen, mitgefangen. LOVE! IS! LIKE! A! BUTTERLFY!
Und zuhause: Es gibt wenig Erhebenderes, als morgens in der Küche Dollys größte Hits mitzuschmettern, auch wenn jedem normalen Menschen dabei die Stimmbänder durchknallen müssen – und die Synapsen. Es ist ein süßes, berauschendes, seelenvolles Vergnügen, sich von Dolly Parton in den Tag zu flöten zu lassen. Ein Vergnügen, das dem kopflastigen Europäer eine gewisse Fähigkeit zur Selbstnegation abnötigt, zugegeben. Und das sich nicht gut mit all zu viel Dünkel verträgt. Aber es ist kein Guilty Pleasure.
Denn, gleich vorweg: an meiner Verehrung ist nichts Postmodernes, kein Augenzwinkern. Die Frau, die vor Jahren einen „Dolly Parton Look Alike Contest“ an eine Drag Queen verlor, die von sich selbst sagt, es koste „viel Geld, so billig auszusehen,“ deren erster wirklicher Hit den Titel „Dumb Blonde“ trug – diese Frau ist für mich eine der realsten, aufrichtigsten und beeindruckendsten Persönlichkeiten der Popgeschichte und eine der wichtigsten lebenden Songwriterinnen. Und ich würde sie, ohne mit der – heimlich angeklebten – falschen Wimper zu zucken, als eine meiner wichtigsten Inspirationsquellen bezeichnen. You heard me right, honey.
Klein-Dolly relativ mittiges von zwölf Kindern, 1946 geboren in einer ländlichen Gegend von Tennessee, aufgewachsen in tiefer Armut und hohen Hacken – letztere der rechtmäßig abgelenkten Mutter entwendet – trat mit 13 Jahren das erste Mal in der Grand Ol Opry Show auf und verkaufte bald darauf ihre ersten Schallplatten aus dem Kofferraum des onkelschen Autos. Ihren unverwechselbaren Stil fand sie früh und sie sollte ihm treu bleiben: „Ich mache Witze darüber“ sagt sie selbst „, aber ich habe meinen Look offensichtlich der örtlichen Kleinstadthure nachempfunden. Ich wusste nicht, wer sie war, aber sie war blond und türmte ihr Haar auf, trug hohe Absätze und kurze Röcke, und für mich war sie das hübscheste Ding, das ich jemals gesehen hatte. Mama sagte: „Oh, die ist doch fürchterlich trashig.“ Und ich dachte mir: „Das will ich sein, wenn ich groß bin. Trash.“
Und die große Dolly – die nicht größer als 1.52 Meter werden sollte stand zu ihrem pubertären Wort, half ordentlich nach mit Kunsthaar und plastischer Chirurgie und legte so den Grundstein für ihren späteren Status als wahrscheinlich einzige simultane Trucker- / Schwulenikone. Letzteres Attribut übrigens ist eine glitzernde Krone, die sie mit großem Stolz tragen sollte – und mit im Country bis dahin ungesehener Offenheit, was bis heute hin und wieder zu Kuklux Clan-Aufmärschen vor ihrem Themenpark „Dollywood“ führt. Trotzdem haut sie Jahr für Jahr weitere Bonmots raus wie: „Gut das ich ein Mädchen geworden bin, sonst hätte ich wohl Dragqueen werden müssen.“ Den ersten Platz im Ähnlichkeitswettbewerb hätte sie einer Frau wahrscheinlich zögerlicher überlassen als jenem Zwei – Meter – Mann in blonder Perücke.
Bei all der offensiv gelebten Liebe zum Artifiziellen, nur um das gleich aus dem Weg zu schaffen: Die legendären Brüste der Parton, die sie selbst in tiefer Einsicht als ihre „weapons of mass distraction“ bezeichnet, sind echt – gewesen, zumindest. Die Parton der Gegenwart besteht bekanntermaßen hauptsächlich aus Ersatzteilen. Sie selbst sagt:„Wenn ich mich noch einmal liften lasse, dann habe ich einen Bart.“ Aber auch wenn die Frau inzwischen aussieht wie „Barbie: die Halloween–Edition. Auch diesen Look kann man kaum mit mehr Humor und Integrität tragen.
Humor und Herz sind die häufigsten Attribute, die der Parton von „Augenzeugen“ zugeschrieben werden. Filmkritiker Roger Ebert schrieb einmal, sie zu treffen, habe sich angefühlt, als sei er in den Bann einer gütigen Macht geraten. „Ich verließ den Raum in einer Wolke von guter Laune.“
Aber Frau Parton verbirgt hinter der beeindruckenden Oberweite offenbar nicht nur ein legendär großes Herz, sondern vor allem: beeindruckend voluminöse Lungen – zumal für eine so winzige Person. Und ja, ich weiß: Gerade der schallernde, trillernde Sopran ist es, der den meisten meiner Missionierungsversuche in Bus und Freundeskreis schnell ein Ende bereitet. Wie bei allen meinen Idolen, auch bei Elvis Costello, Bob Dylan und David Bowie, scheiden sich die Geister am Gesang.
Bei Dolly Parton muss man natürlich den glasklaren Country -Twang, das überschnappende, naive Pathos zu schätzen wissen – beziehungsweise abkönnen. Nur die Harten kommen in den Garten der Parton. Aber: An dieser Naivität ist nicht Regressives, an der Kindlichkeit nichts Kindisches. Für mich reiht sich Parton ein in eine Riege großer, natürlicher Stimmen, wie es sie so in westlicher Popmusik, jenseits des Country, nicht all zu oft gibt. Diese Offenheit– und zwar im physischen Sinne, wie in „offene Brust, offener Hals, freie Stimmbänder“ – mit der Kinder singen, bevor ihnen jemand gesagt hat, sie sollten aufhören zu plärren, die unverstellte, seelenvolle Direktheit – all das ist typisch für die größten Stimmen im Country, bei den Männern übrigens genauso wie bei den Frauen. Ich habe diese Stimmfarbe so ansonsten hauptsächlich in afrikanischer Musik und bei bulgarischen Frauenchören gefunden. Und bei Diana Ross und Marianne Rosenberg. Und Beth Ditto, übrigens selbst bekennender Dolly- ite.
Mich entzücken diese Stimmen schon immer, und sie rühren mich zu Tränen. Bei Dolly Parton kommt – bei aller Natürlichkeit- noch jenes uramerikanische, absurde Level von Skill, von mühelosem Können dazu, das hierzulande Gesangslehrern die Kinnlade ausrenken würde, dortzulande aber eher zur Grundausstattung gehört, mit der im Gepäck man als Zwölfjährige pfeifend die heimische Farm/ das heimische Ghetto verlässt.
Mit diesem Skill bewegt sich Parton seit fünf Jahrzehnten schwerelos zwischen Country, motownigem Soul, Disco und knallharter Mainstream–Schmetterballade. Wer sich Gospel–Grenzgänge wie „The Seeker“ anhört, versteht sofort, warum man Country als „weißen Soul“ bezeichnet. Mit ihren Hits alleine könnte man jede Karaokebar voll auslasten – bis morgens um vier.
Wer allerdings Sängerinnen nur dann eine Daseinsberechtigung zuspricht, wenn sie klingen, als würden sie morgens Whiskey mit Rollsplit gurgeln, der sollte sich bei Dolly lieber mit den Coverversionen begnügen.
Und die sind nicht schwer zu finden: Dolly Parton ist eine der produktivsten und vielseitigsten Songwriterinnen der Musikgeschichte. Sie hat über zehntausend Songs geschrieben, darunter einige der herzzereißendsten, mittreißendsten und vor allem: witzigsten Songs der Welt. Zu den bekanntesten Coverversionen gehören „I will always love you“ in der Fassung von Whitney Houston und „Jolene“ in der Version von den White Stripes.
Nebenbei darf die Parton auf dem toupierten Fremdhaar gerne eine weitere Krone tragen: die der ersten wirklich selbstbestimmten, toughen Künstlerinnen ihrer Zeit, zumindest in ihrer soziokulturellen Nische. Nicht ohne Grund gilt sie Vielen, ihrem gelinde gesagt „irreführenden“ Äußeren zum Trotz, als feministische Ikone. Mit ihrem 68er Hit „Just because I´m a woman“ in dem sie die doppelten moralischen Standards für Männer und Frauen besingt, war sie ihrer Zeit um Jahre voraus, der Song setzte sich durch, obwohl die Radiosender ihn wegen der „frauenrechtlerischen“ Message nicht spielen wollten. In „9 to 5“ besang sie die Nöte und den Stolz arbeitender Frauen – im gleichnamigen Film spielte sie überzeugend eine Sekretärin. Auch hinter den Kulissen nahm ihr nie jemand die Butter vom Brot. So verweigerte sie Elvis Presley eben jenen von ihr geschriebenen Hit „I will always love you“, weil dessen Manager die halben Autorenrechte einstreichen wollte – wie für alle Songs, die sein rapide verfallender Schützling singen sollte. Ihre eigene Version wurde einer ihrer ersten großen Hits im Mainstream-Pop. Als sie ihn später noch an Whitney Houston weiterreichte, war von Rechteübertragung keine Rede, Parton inzwischen Verlagseigentümerin, und das Imperium Dolly um ein paar Trillionen reicher.
Sängerin, Songwriterin, Schauspielerin, Geschäftsfrau, Schwulenikone, Country–Diva. Die vielen verschiedenen Hüte und Glitzerkronen der Dolly Parton sind beeindruckend, aber am Ende nicht viel aussagekräftiger als ihre Perückensammlung. Mein Herz hat sie gewonnen, weil sie zu jeder Zeit genau das zu sein scheint, was sie sein will. Genauer gesagt: weil sie eine der wenigen Frauen im Pop ist, die darauf bestehen, unzählige Dinge gleichzeitig sein zu können. Quietschig, aufrichtig, tief, seelenvoll, albern, selbstironisch, tough, messerschlau, kokett, artifiziell und ultrareal. Auf jeden Fall aber: frei und selbsterfunden in einem Maß, von dem die meisten Leute nicht mal träumen.